Am Ende unseres Beitrags über das Mittelalter stand eine kuriose Beobachtung: In Europa hatte bis dahin niemand Cannabis geraucht – schlicht, weil das Rauchen jeglicher Substanz unbekannt war. Das ändert sich in der Frühen Neuzeit. Mit den Schiffen, die aus Amerika zurückkehren, kommt der Tabak nach Europa, und mit dem Tabak die Pfeife. Erst jetzt entsteht überhaupt die Kulturtechnik, die Jahrhunderte später zum Sinnbild des Cannabiskonsums wird.
Die Hauptrolle aber spielt Cannabis zwischen 1500 und 1800 weiterhin nicht als Rauschmittel, sondern als der wichtigste industrielle Faserrohstoff der Welt: Hanf.
Hanf hält die Weltmeere zusammen
Ein Segelschiff des 17. und 18. Jahrhunderts war im Wortsinn aus Hanf gebaut. Segel, Taue, Netze und das Dichtungswerg zwischen den Planken – all das bestand aus Hanffaser. Ein großes Kriegsschiff verschlang für seine komplette Takelage geschätzt mehrere Dutzend Tonnen Hanf, und dieser Bedarf kehrte ständig wieder, weil Salzwasser die Taue zermürbte. Wer Seemacht wollte, brauchte Hanf. Und wer keinen Hanf hatte, war erpressbar.
Genau das war Englands Problem. Der beste Faserhanf kam aus dem Baltikum und aus Russland – Riga-Hanf galt als Goldstandard. Diese Abhängigkeit von fremden Lieferanten war strategisch heikel. Schon Heinrich VIII. verpflichtete 1533 die Landbesitzer per Dekret, einen Teil ihrer Fläche mit Hanf oder Flachs zu bestellen; Elisabeth I. verschärfte die Vorgabe später mit Bußgeldern. Der heimische Anbau reichte trotzdem nie aus.
Hanf als Kolonialauftrag
Die Lösung sollten die Kolonien liefern. Die Virginia Company drängte ihre Siedler zum Hanfanbau; 1619 verpflichtete die Versammlung von Jamestown jeden Kolonisten ausdrücklich dazu. In mehreren nordamerikanischen Kolonien war Hanf zeitweise so wertvoll, dass man damit sogar Abgaben begleichen konnte. Hanf war Rohstoff, Devise und Staatsräson in einem.
Auch die späteren Gründerväter der USA bauten Hanf an. George Washington notierte in seinen Tagebüchern der 1760er Jahre die Aussaat von Hanf auf Mount Vernon und die Trennung männlicher von weiblichen Pflanzen; Thomas Jefferson kultivierte ihn in Monticello. Daraus ist mit der Zeit eine ganze Legendenwelt gewachsen – und hier lohnt der nüchterne Blick.
Nein, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde nicht auf Hanfpapier geschrieben. Die feierlich ausgefertigte Fassung steht auf Pergament, also präparierter Tierhaut. Und ob Washington seinen Hanf jemals zum Rauschen nutzte, ist reine Spekulation: Seine Notiz zur Trennung der Geschlechter lässt sich ebenso gut mit Saatgut- oder Faserfragen erklären. Belegt ist der Landwirt, nicht der Genießer.
Europa entdeckt (wissenschaftlich) den Rausch
Während Hanf in Europa Rohstoff blieb, brachten die Handelsrouten nach Asien erste seriöse Berichte über den psychoaktiven Gebrauch zurück. Der portugiesische Arzt Garcia da Orta beschrieb 1563 in Goa das indische „Bangue“ – eine der frühesten europäischen Schilderungen der berauschenden Wirkung. Ende des 17. Jahrhunderts referierte sogar der englische Universalgelehrte Robert Hooke vor der Royal Society über indischen Hanf.
Den nachhaltigsten Anstoß gab jedoch ein Feldzug. Als französische Truppen 1798 unter Napoleon Bonaparte Ägypten besetzten, stießen die vom Wein abgeschnittenen Soldaten auf Haschisch. Der Konsum griff derart um sich, dass die Militärführung ihn 1800 per Erlass verbot – ein Verbot, das gern Napoleon selbst zugeschrieben wird, tatsächlich aber unter seinem Nachfolger im Kommando, General Menou, erging. Verhindert hat es wenig. Stattdessen brachten heimkehrende Soldaten und Gelehrte die Faszination für Haschisch nach Frankreich – und legten damit den Grundstein für ein Kapitel, das ein halbes Jahrhundert später in den Salons von Paris spielt.
Quellen: Garcia da Orta, Colóquios dos simples e drogas da Índia (1563); Tagebücher George Washingtons (Library of Congress); M. Booth, Cannabis: A History (2003); E. Abel, Marihuana: The First Twelve Thousand Years (1980).