Am Ende des 18. Jahrhunderts brachten Napoleons Soldaten die Faszination für Haschisch aus Ägypten nach Frankreich. Im 19. Jahrhundert wird daraus zweierlei zugleich: ein ernstzunehmendes Arzneimittel und ein literarischer Mythos. Beide Stränge beginnen fast gleichzeitig – der eine in einem Labor in Kalkutta, der andere in einem Pariser Stadtpalais.
Kalkutta, 1839: Ein Arzt nimmt Cannabis ernst
Der aus Limerick stammende Arzt William Brooke O’Shaughnessy arbeitete für die britische Ostindien-Kompanie in Kalkutta. Anders als viele Kollegen tat er die indische Nutzung von Bhang, Ganja und Charas nicht als Aberglaube ab, sondern untersuchte sie systematisch – erst im Tierversuch, dann am Patienten. 1839 und 1843 veröffentlichte er seine Ergebnisse und berichtete über den Einsatz von Cannabis-Extrakten bei Rheuma, Wundstarrkrampf, Krämpfen und den Folgen der Cholera.
O’Shaughnessy brachte Pflanzenproben nach Großbritannien, und von dort trat Cannabis seinen Weg in die westliche Medizin an. Binnen weniger Jahrzehnte führten Apotheken in ganz Europa und Nordamerika Cannabis-Tinkturen und -Extrakte; Firmen wie Merck, Squibb oder Parke-Davis stellten entsprechende Präparate her. Es gab sogar fertige „Cannabis-Zigaretten“ gegen Asthma.
Wie hoch das Ansehen war, zeigt ein Zitat aus dem Jahr 1890: Sir John Russell Reynolds, Leibarzt von Königin Victoria, nannte Cannabis in der Fachzeitschrift The Lancet „eines der wertvollsten Arzneimittel, die wir besitzen“. Die oft gehörte Behauptung, Victoria selbst habe Cannabis gegen Menstruationsbeschwerden genommen, ist damit allerdings nicht belegt – sie ist eine naheliegende Vermutung, kein dokumentierter Fakt. Ein Beispiel dafür, wie schnell aus einer plausiblen Geschichte eine vermeintliche Tatsache wird.
Paris, 1844: Der Club der Haschisch-Esser
Während Cannabis in der Medizin Karriere machte, entstand in Paris sein literarisches Gegenstück. Ab etwa 1844 traf sich im Hôtel Pimodan auf der Île Saint-Louis der Club des Hachichins, der „Klub der Haschisch-Esser“. Die treibende Kraft war kein Bohemien, sondern der Psychiater Jacques-Joseph Moreau de Tours. Er nutzte Haschisch, um die Entstehung von Wahn und Halluzination am eigenen Verstand zu studieren – und schrieb mit Du hachisch et de l’aliénation mentale (1845) eines der ersten Werke der wissenschaftlichen Psychopharmakologie überhaupt.
Um Moreau versammelte sich die literarische Prominenz der Zeit: Théophile Gautier, der einen berühmten Augenzeugenbericht verfasste, der junge Charles Baudelaire, der seine Erfahrungen später in Les Paradis artificiels (1860) verarbeitete, dazu Alexandre Dumas und Gérard de Nerval. Honoré de Balzac soll den Zirkel besucht, das Haschisch aber verweigert haben.
Konsumiert wurde übrigens auch hier nicht geraucht, sondern gegessen: eine grüne Paste namens Dawamesk. Damit setzt sich eine Linie fort, die sich durch unsere ganze Geschichte zieht – über Jahrtausende hinweg war Cannabis in erster Linie etwas zum Essen, nicht zum Rauchen.
Ein Jahrhundert endet im Widerspruch
Um 1900 war Cannabis ein fester Bestandteil praktisch jeder westlichen Arzneimittelsammlung – eine anerkannte, ärztlich verordnete Substanz. Genau das macht die Wendung des folgenden Jahrhunderts so bemerkenswert: Aus dem geachteten Medikament der Apotheken wurde binnen weniger Jahrzehnte die wohl bekannteste verbotene Substanz der Welt. Wie es dazu kam, erzählt der nächste Teil.
Quellen: W. B. O’Shaughnessy, On the Preparations of the Indian Hemp (1839/1843); J. R. Reynolds, The Lancet (1890); J.-J. Moreau de Tours, Du hachisch et de l’aliénation mentale (1845); Ch. Baudelaire, Les Paradis artificiels (1860); M. Booth, Cannabis: A History (2003).