Um 1900 war Cannabis ein anerkanntes Arzneimittel, das in fast jeder westlichen Apotheke zu haben war. Hundert Jahre später war es die wohl bekannteste verbotene Substanz der Welt – und begann zugleich, langsam wieder legal zu werden. Das 20. Jahrhundert ist die Geschichte dieses doppelten Umschwungs.
Der stille Bedeutungsverlust
Der Abstieg begann nicht mit einem Verbot, sondern mit der Konkurrenz. Neue, exakt dosierbare Medikamente wie Aspirin (1899) und injizierbare Schmerzmittel verdrängten die Cannabis-Tinktur, deren Wirkstärke je nach Ernte schwankte. Cannabis wurde medizinisch entbehrlich – und damit angreifbar.
Vom Arzneischrank ins Visier der Politik
Die erste internationale Beschränkung kam 1925: Auf der Zweiten Internationalen Opiumkonferenz in Genf wurde „indischer Hanf“ auf Betreiben vor allem Ägyptens der internationalen Drogenkontrolle unterstellt.
Die schärfste Kampagne lief in den USA. Harry J. Anslinger, ab 1930 Chef der neuen Bundes-Drogenbehörde, machte mit reißerischen und offen rassistisch aufgeladenen Behauptungen Stimmung; der Begriff „Marihuana“ wurde gezielt genutzt, um die Pflanze mit mexikanischen Einwanderern zu verknüpfen. Filme wie Reefer Madness (1936) zeichneten ein Zerrbild vom Wahnsinn nach dem ersten Zug. 1937 folgte der Marihuana Tax Act, ein faktisches Verbot – obwohl der amerikanische Ärzteverband ausdrücklich widersprach. Wenige Jahre später verschwand Cannabis aus dem offiziellen US-Arzneibuch.
Fast schon ironisch: Als im Zweiten Weltkrieg die Faserimporte ausblieben, warb dieselbe US-Regierung mit dem Film Hemp for Victory (1942) plötzlich wieder für den Hanfanbau. Der Rohstoff war willkommen, die Pflanze verdächtig.
Zementiert wurde das globale Verbot 1961 durch das Einheitsübereinkommen über Suchtstoffe der Vereinten Nationen, das Cannabis in die strengsten Kontrollkategorien einordnete und die Unterzeichnerstaaten zur Kriminalisierung verpflichtete.
Die Wissenschaft macht trotzdem weiter
Während die Politik verbot, klärte die Forschung endlich die Frage, warum Cannabis überhaupt wirkt. Dem israelischen Chemiker Raphael Mechoulam und seinem Team gelang 1963 die Strukturaufklärung von CBD und 1964 die erstmalige vollständige Charakterisierung des THC. Fast dreißig Jahre später, 1992, wurde mit dem körpereigenen Botenstoff Anandamid das Endocannabinoid-System entdeckt – jenes Regelsystem im Körper, an das Cannabinoide andocken. (Was THC, CBD und diese Stoffe genau tun, erklären wir ausführlich im Blog Wissen.)
Die Wende am Ende des Jahrhunderts
Parallel zur Gegenkultur der 1960er- und 70er-Jahre wuchs der Druck auf die strikte Verbotspolitik. Die erste greifbare Kehrtwende kam 1996: Kalifornien erlaubte als erster US-Bundesstaat den medizinischen Gebrauch. 2013 wurde Uruguay das erste Land der Welt, das Cannabis vollständig legalisierte; US-Bundesstaaten wie Colorado und Washington folgten, 2018 legalisierte Kanada landesweit.
In Deutschland wurde medizinisches Cannabis 2017 zugelassen; 2024 trat mit dem Cannabisgesetz eine teilweise Legalisierung für Erwachsene in Kraft. Damit schließt sich, zumindest vorläufig, ein sehr langer Kreis: Eine Pflanze, die den Menschen seit der Steinzeit begleitet, kehrt aus einem knappen Jahrhundert des Verbots in einen regulierten, offenen Umgang zurück.
Quellen: Zweites Internationales Opiumabkommen (Genf 1925); UN-Einheitsübereinkommen über Suchtstoffe (1961); Y. Gaoni & R. Mechoulam (1964), Journal of the American Chemical Society; W. Devane et al. (1992), Science; M. Booth, Cannabis: A History (2003).